blog Wenn ich groß bin, werde ich Social Media-Berater Beitrag über , vom 7. Oktober 2009

David Nelles fordert das Erwachsenwerden der Social Media-Beratung.

Hier erlaube ich mir eine kurze Wortklauberei und behaupte, die meisten Social Media-Beratungen sind keine Beratungen, sondern Agenturen. Der Unterschied: Ein Berater hilft seinem Kunden durch eigene Expertise, Strukturierung und den Blick von außen bei der Lösung einer Aufgabe. Der Schwerpunkt liegt auf dem Dialog mit dem Kunden, das Ergebnis sind idealerweise Strukturen und Prozesse, mit denen der Kunde die Aufgabe selbst lösen kann. Der Agent (lat.: Handelnder) hingegen führt in erster Linie die gestellte Aufgabe aus, im besten Falle strukturiert und zielgeleitet. Da er an dieser Ausführung verdient, hat er i.d.R. kein großes Interesse daran, den Kunden dazu zu befähigen und seine Methoden offen zu legen. Legitim. Nichts gegen Agenturen, aber über den Unterschied sollte man sich bewusst sein – auch, wenn auf der Visitenkarte „Berater“ steht.

Zurück zu David Nelles‘ Beitrag. Er fragt:

„Was macht denn eine professionelle Social Media Full Service Agentur aus?“

Zum Erwachsenwerden gehört für ihn, frei zusammengefasst, die genutzten Kanäle wieder als Mittel zum Zweck zu sehen und den vielgepriesenen „Dialog“ auch zu führen, also eine Philosophie der offenen und direkten Kommunikation zwischen Menschen auch in die Unternehmen zu tragen. Beratung also.

Eine schwierige Aufgabe, denn sie bedeutet, wie Uwe Knaus kommentiert, ein für die Strukturen und Prozesse eines Unternehmens passendes Konzept zu entwickeln, vielleicht diese sogar anzupassen und nicht nur kampagnenweise im Netz Marketingbotschaften zu streuen oder regelmäßige Reports abzugeben. Diese Kompetenz würden die meisten Unternehmensverantwortlichen eher „klassischen“ Beratungen zutrauen – meist mit Recht, denke ich. Natürlich ist Social Media-Kompetenz wichtig. Nur wer das ganze zur Verfügung stehende Instrumentarium kennt, kann die richtigen Mittel zur Erreichung seiner Ziele wählen. Wer keinen Hammer kennt, wird Nägel mit dem Schraubenzieher in die Wand hauen. Aber auf bestimmte Kanäle spezialisierte Agenturen haben eben NUR den Hammer zur Verfügung. Machen wir uns nichts vor: Bei aller Euphorie ist das Social Web vom Leitmedium weit entfernt, da reicht ein Blick in die Statistik.

Stichwort „Ziele“. Kaum ist die Phase des Unverständnis und der damit einhergehenden völligen Ablehnung überwunden, kann es manchen Kunden gar nicht schnell genug gehen. Blog, Twitter, Facebook, da muss man doch jetzt überall mitmachen, oder? Was auf der Strecke bleibt, ist die Einbindung in eine globale Strategie. Nicht immer: Ich kenne eine ganze Reihe verantwortungsvoller Berater, die an dieser Stelle nachhaken oder auch einmal abraten. Auf der anderen Seite verkaufen selbst namhafte Agenturen Tools ohne Sinn und Verstand – sei es, weil sie selbst noch nicht verstanden haben, wozu das gut sein soll, oder weil sie diese Tools nun mal gerade anzubieten haben. Die teuer eingekauften Programmierer müssen ausgelastet werden. In der Einbindung in die Unternehmens- und Kommunikationsstrategie liegt in meinen Augen das größte Problem.

Kann eine Social Media-Beratung ein Unternehmen umfassend in seiner Kommunikation beraten? Warum nicht? Wenn mit ausreichend Erfahrung und Expertise „Social Media“ nicht als Teilmenge von „Online“ verstanden wird. Dass „Social“ auch offline funktioniert, beweist Martin Oettings trnd, deren Mitglieder auch im „richtigen Leben“ über ihre Projekte, sprich: Produkte und Marken reden. Es geht in meinen Augen um den Umgang der Unternehmen und Agenturen mit einem Bewusstseinswandel der Konsumenten, der zwar im partizipativen Web seine Triebfeder hat, aber an dessen Grenzen nicht aufhört. Wer in dieser Online-Welt zuhause ist, kann daraus einen Wissens- und Verstehensvorsprung über die gegenwärtigen Veränderungen ziehen und diesen auch offline anwenden. Warum also den Lead nicht an eine Social Media-Beratung geben? Eben weil es nicht nur um ein neues Bündel an Kanälen, sondern generell um den kommunikativen Umgang mit Stakeholdern geht, tun Unternehmen gut daran, nicht einfach in Social Media hineinzuhandeln (oder handeln zu lassen), sondern sich umfassend und im Zweifel lieber etwas langsamer, behutsamer darauf einzustellen. Ein guter Berater hilft bei diesem Prozess.

Zur Professionalisierung der Social Media-Berater/-Agenturen gehört für mich die Beantwortung der Frage nach dem eigenen Können und Wollen und die Kommunikation dieses Selbstverständnisses nach außen. Das baut falsche Erwartungen ab, schafft Klarheit und führt hoffentlich dazu, dass man diese Berufsbezeichnung wieder ernst nehmen kann.


3 Comments

  1. EIn sehr guter Artikel! Spricht mir aus dem Herzen. Ich denke auch, dass das Du da einen Grund ansprichst, der gegen große PR-Agenturen spricht, die Social Media Marketing „nebenher“ verkaufen, weil der Kunde eben danach fragt.
    Ich hoffe (für mich aber auch für andere), dass Social Media Marketing eine Domäne der kleinen und freien Berater wird.

    schrieb Hannes (Social Media Schmiede) am 9. Oktober 2009 um 18:12

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