blog Die Textbausteine der Gewohnheitsheuchler Beitrag über , , , , , vom 21. September 2010

23

Freshwater lakes

Die Kommentare, die zum Amoklauf in Lörrach im Netz kursieren, sind zum Teil widerlich. Ihre Autoren entlarven sich als kaltherzig oder mindestens sehr unreflektiert. Der „Stern“ entlarvt sich mit seinem erneuten Fingerzeig mindestens als sehr heuchlerisch.

In Lörrach ist eine schreckliche Tragödie passiert, und doch lässt das manchen kalt genug, geschmacklose Witze zu reißen. Mich regt das auf. Das ist keine Show. Es sind Menschen gestorben. Kaltschnäuzige Menschen gab und gibt es auf Schulhöfen und Baugerüsten, in Straßenbahnen und Großraumbüros. Allerdings waren ihre Konversationen abhängig von Raum, Zeit und Kontext. Anders bei Twitter: Die Menschen sind dieselben, aber ihre Beiträge machen sich selbständig. Eine kurze Suche nach „Amok“ oder „Lörrach“ liefert unzählige abgebrühte und zynische Statements.

Glücklicherweise kann man diesen Leuten und ihren Äußerungen einfach aus dem Weg gehen, indem man sie aus Freundeskreis und Twitter-Timeline heraushält. Nicht so der Stern. Der wühlt im Dreck und hebt ihn auf den Präsentierteller, um sich demonstrativ zu empören, wie schon letztes Jahr nach dem Amoklauf von Winnenden. Beim Stern erfahre ich, dass „das Web spottet“ und „die Netzgemeinde“ ihre ganz eigenen Regeln des Umgangs mit solchen Ereignissen habe. Zu diesem Zweck zitiert das Qualitätsmedium, das im vergangenen Jahr Privatfotos der Winnenden-Opfer veröffentlichte und in der Print-Ausgabe versehentlich einen Unbeteiligten als Amokläufer abbildete, fünf Meldungen, von denen eine einzelne tatsächlich gut 100 mal weiterverbreitet wurde. Ebenfalls vorhandene Ausdrücke der Betroffenheit oder sachliche Auseinandersetzung mit dem Waffengesetz kommen nicht vor, auch nicht die Mehrheit, die ihre Betroffenheit auf die vielleicht beste Weise ausdrückte: mit Schweigen.

Die Schlussfolgerung ist klar: Twitter werde „fälschlicherweise als die Zukunft des Journalismus betrachtet“ (Von wem eigentlich? Von den Betreibern des Accounts @stern_digital, die zum Winnenden Amoklauf eine „Twitter-Übersicht“ anpriesen?), denn: „Während ausgebildete Journalisten darin geschult sind, sensibel mit Daten von Personen umzugehen und Fakten zu recherchieren, steht hingegen bei Twitter die Meinung schnell fest.“ Gerade eine vorgefasste Meinung muss sich allerdings auch der Stern vorhalten lassen, hat Autor Felix Disselhoff doch zentrale Passagen seiner Empörung wörtlich aus dem anderthalb Jahre alten Artikel seines Kollegen Gerd Blank nach dem Amoklauf von Winnenden kopiert:

Disselhoff 2010:

„Das Problem ist wie so oft nicht die Nachricht, sondern wie mit ihr umgegangen wird. Während ausgebildete Journalisten darin geschult sind, sensibel mit Daten von Personen umzugehen und Fakten zu recherchieren, steht hingegen bei Twitter die Meinung schnell fest. Der Pressekodex gilt nun einmal nur für die Presse. Und nicht für ein Medium, welches von vielen fälschlicherweise als die Zukunft des Journalismus betrachtet wird. Nur vergleichweise wenige User teilen Neuigkeiten über den Tathergang mit anderen Usern. Zynische Statements überwiegen. So fordert MelmachAsylant: ‚Die Lehre aus Lörrach und Winnenden: #Baden-Württemberg verbieten / den Franzosen zum Kauf anbieten.'“

Blank 2009:

So funktioniert das Web nur allzu oft. Aus einer einzelnen Meldung wird eine Lawine, die den Wahrheitsgehalt und das menschliche Drama oft unter sich begräbt.
So funktioniert das Web. Aus einer Meldung wird eine Lawine, die den Wahrheitsgehalt oft unter sich begräbt. Das Jeder-kann-mitmachen-Internet zeigt seine Fratze.

„Doch das Problem ist häufig nicht alleine die Nachricht, sondern wie mit ihr umgegangen wird. Während ausgebildete Journalisten eigentlich wissen, wie mit Namen, Adressen und Bildern umgegangen werden darf, erfährt man bei Twitter schnell, wie der mutmaßliche Täter heißt. Das Elternhaus wird in aller Pracht gezeigt, und damit man es auch findet, gibt es den Link zur Adresse dazu. Der Pressekodex gilt halt für die Presse, und nicht für ein Medium, welches von vielen fälschlicherweise als die Zukunft des Journalismus betrachtet wird.“

Disselhoff 2010:

„So funktioniert das Web nur allzu oft. Aus einer einzelnen Meldung wird eine Lawine, die den Wahrheitsgehalt und das menschliche Drama oft unter sich begräbt.“

Blank 2009:

„So funktioniert das Web. Aus einer Meldung wird eine Lawine, die den Wahrheitsgehalt oft unter sich begräbt. Das Jeder-kann-mitmachen-Internet zeigt seine Fratze.“

(Danke an Too Much Information für die Auffrischung meiner Erinnerung. Blank betreut übrigens auch den Account @stern_digital. Ich weiß allerdings nicht, ob das schon im März 2009 so war.)

Geht es hier um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einem jungen Medienphänomen, mit dem Normalanwender und Profis erst noch umzugehen lernen, oder darum, schnell einen Aufreger zu produzieren? Unreflektiert oder zynisch, aber nicht nur von den aus-allem-einen-coolen-Spruch-Machern bei Twitter, sondern besonders von manchen ausgebildeten Journalisten hätte ich mir statt solcher Texte vor allem eins gewünscht: Schweigen.

Update vom 23.09.2010: stern.de-Chefredakteur Frank Thomsen hat sich gestern mittag in einem Kommentar für die Textkopien, die „nicht unseren Standards“ entsprächen, entschuldigt und angekündigt, einen Hinweis darauf anzubringen. Das ist mit Datum von gestern passiert. Mir war heute morgen keine Änderung aufgefallen, aber das mag am Browser-Cache liegen. Inhaltlich bleibt die Redaktion standfest: „wir stehen zu unserer Analyse“. Der Text scheint aber noch in Arbeit zu sein – seht selbst.

links Wirtschaftsjournalismus via Twitter vom 29. Januar 2010

2

In Amerika ist Recherche im Social Web schon weit verbreitet und anerkannt. Deutsche Journalisten hadern zum Teil noch, während FAZ-Redakteur und „Netzökonom“ Holger Schmidt Twitter schon als primäre Informationsquelle nutzt:

„Dies tut er, indem er etwa 100 Twitter Accounts folgt (er selbst hat an die 5.000 Follower), die er für seriös und informativ hält und die ausschließlich gut recherchierte Hard Facts aus den Themenbereichen Telco und Internet liefern.“

„Sein Ziel ist es, mit schnellen (Stichwort Echtzeit) und exklusiven Meldungen als erster am Online-Markt zu sein und damit eine Aufmerksamkeit zu erzeugen, die letztlich dem FAZ-Portal zugute kommt in Form von Besuchern und Klickraten.“

(Cirquent Blog)

blog Der den Buzz reitet… Beitrag über , , , , , , , vom 19. Januar 2010

5

…aber wohin? Heute hat Robert Basic, der mit der Versteigerung seines Blogs Basic Thinking für knapp 47.000 Euro ein Rekordergebnis einfuhr (zugegeben: viel mehr solche Verkäufe gab es bisher auch nicht), auch noch seinen Twitter-Account @robgreen abgestoßen, um sein neues Projekt „Buzzriders“ zu finanzieren – zumindest sollte man das für ein paar Stunden glauben.

Beim glücklichen Käufer „Käuferportal“ gingen mehr kopfschüttelnde Mitleidsbekundungen ein als Gratulationen. Was ist schließlich ein Twitter-Account wert ohne die Inhalte, denen er seine Aufmerksamkeit verdankt? Der Transfer des Blogs Basic Thinking, das ich völlig ohne Zynik gern die Bild-Zeitung des Web 2.0 genannt habe, weil es ähnlich stark polarisierte, vor allem aber die Agenda der deutschen Blogosphäre maßgeblich beeinflusste, war noch zu stemmen. News aus dem Social Web und zu Technologiethemen können auch andere zusammentragen. Den Twitter-Account dagegen habe ich allein aufgrund der Person dahinter verfolgt – und mit deren erklärtem Abgang aus meiner Liste entfernt.

Reingefallen!“ hieß es schon rund zwei Stunden später: Der Account wurde wieder von Robert übernommen. Alles war eine schon länger vorbereitete Aktion, um „Buzz“ zu erzeugen. Gewisserweise ist das gelungen, wenn es verglichen mit dem Blogverkauf auch eher ein laues Lüftchen im Wasserglas war und nicht wenige verstört bis verärgert hat. Roberts Kontakte wollten sich eben nicht im wahrsten Sinne des Wortes für dumm verkaufen lassen. Im Moment sieht es so aus, dass in absoluten Zahlen Robert mehr Follower verloren hat, als das Käuferportal hinzugewinnen konnte.

Roberts gesundes Selbstbewusstsein jucken die kritischen Stimmen bei Twitter und in den Blogs über den Verlust seiner Glaubwürdigkeit wenig. Auch der Follower-Schwund (der bei der ersten Ankündigung eines Account-Verkaufs noch deutlicher war) nicht. Als eine Art Reputations-Märtyrer im Dienste seines Startups nimmt er die Angriffe in Kauf: „Käuferportal ist mit einem Schlag ein ganzes Stück weit bekannter im Netz, Buzzriders nochmalig und erneut genannt worden, und ich als Blitzableiter habe die allermeisten, negativen Kritiken auf mich vereint, perfekter geht es nicht.“ Erinnert mich ein wenig an Ehssan DarianisRadaumarketing„: Auch da ging es darum, mit kontroversen Aktionen für eine Firma Buzz zu erzeugen und die negativen Reaktionen auf eine Person umzuleiten.

Das alles also, um die Bekanntheit von (vermeintlichem) Käufer und (vermeintlichem) Verkäufer zu steigern.

„Buzzriders ist im Vorfeld der Alpha-Phase (“klickbare Webseite”) das bekannteste Projekt im Deutschen Web, Punkt.“

Ob das so ist, lassen wir dahingestellt. Zumindest ist der Name wieder durch diverse Blogs gegeistert, dieses eingeschlossen. Aber im Gegensatz zu Buzzriders hatte Radaumarketer Dariani ein fertiges Produkt, und die frechen Aktionen, die teilweise weit über die Grenzen des guten Geschmacks hinausgingen, trafen den Nerv der Zielgruppe. Wessen Nerv trifft die Twitter-Verkaufsaktion? Geht der „Buzz“ überhaupt über die Szene, in der „Buzzriders“ ohnehin (bisher als „ewiges Stealth-Mode-Projekt„) bekannt ist, hinaus? Welches Medium jenseits der Blogosphäre wird morgen, wie zu Zeiten des Blogverkaufs, berichten?

Worüber sollten sie auch schreiben? Man erfährt bisher nicht viel vom künftigen Stern am Himmel des lokalen Web. Vielleicht wird es ein großer Wurf, aber ist nicht bald schon das Pulver verschossen? Auch was „Käuferportal“ eigentlich genau anbietet, weiß ich immer noch nicht. Ich hätte mich informieren können, es spielt für die Aktion aber keine Rolle und interessiert mich persönlich nicht besonders. Ich vermute, anderen, die auf die PR-Aktion reagiert haben, geht es ähnlich. Eine weitere Luftblase. Buzz ohne Inhalt. Ein „Hallo Welt“ als Kampagne. Da hätte ich von einem, der die Welt der Social Media so gut kennt, mehr erwartet – oder zumindest erhofft.

Man kann den Buzz totreiten. Oder ihm Futter geben, zum Beispiel durch ein überzeugendes Produkt.
Es heißt, ein laufendes Pferd braucht keine Sporen.

links Lufthansa MySkyStatus – DLH nutzt Netzwerke der Kunden durch Statusupdates aus dem Flieger vom 12. Oktober 2009

Wenn das gut angenommen wird, hat Lufthansa einen kreativen Weg ins soziale Onlinenetzwerk seiner Kunden gefunden: MySkyStatus, „travel made social“ (Eigenwerbung), sendet auf Wunsch automatische Statusupdates über Ort, aktuelle Flughöhe und Ankunftszeit über den Twitter- oder Facebook-Account der Reisenden, bislang nur ein paar mal am Tag. Mal sehen, ob der Tipping Point überschritten wird, bevor die Test-Nachrichten neugieriger Nichtflieger deren Kontakten auf die Nerven gehen. Dennoch: Chapeau, liebe Lufthansa, für Kreativität und Mut zum Experiment.
Lufthansa hat Twitter etc. schon früher ins Marketing integriert, etwa durch Statusupdates per Banner-Klick, allerdings bisher mit dem Fokus auf Reichweitengenerierung. 1:1-Interaktion findet über @lufthansa_DE offenbar noch kaum statt.

Zur Seite http://myskystatus.com/ (via @kchvb / @mashable)

twitter Beitrag über , , vom 7. Oktober 2009

Twitter Name Replacer für WordPress verlinkt Twitter-Usernamen automatisch zum entsprechenden Profil. Dank an @jayzon277 für den Tip!

links twendz : Exploring Twitter Conversations and Sentiment vom 30. September 2009

Twendz gibt zu einem Suchstring die Konversationen bei Twitter aus, identifiziert Subthemen und bewertet jeweils die Tonalität. Funktioniert bislang mit deutschen Suchworten wie erwartet nur sehr eingeschränkt.

Zur Seite http://twendz.waggeneredstrom.com/

blog myON-ID – Ihr schlechter Ruf im Internet? Beitrag über , , , , , , , , , vom 7. April 2009

13

Eine derartige Personalie mit Andeutungen und Nachtreten würde mir bei jedem Unternehmen aufstoßen. Bei einem Anbieter von Reputationsmanagement kann es sich nur um Satire, ein „Worst Practice“-Beispiel oder einen cerebralen Totalausfall handeln. Derzeit sagt es mehr über das Unternehmen als den geschassten. Warum ich das verlinke? Weil es ein Beispiel für Social Media Kommunikation ist und myON-ID nun das Echo erhält.

Zur Seite http://blog.myonid.de/2009/04/myon-id-trennt-sich-von-sebastian-kupers/

UPDATE: Während ich noch überlegt habe, wie ich myON-ID-Gründer Mario Grobholz von den Gefahren des Bloggens unter akuter Hypertonie warnen soll, hat Christoph Salzig alles schon treffend formuliert – Entspannungsübungen inclusive. Auch Mike Schnoor wundert sich . Ich beschränke mich also aufs Warten. Darauf, dass im myON-ID-Blog wieder Kommentare freigeschaltet werden und auf eine Erklärung. Nicht über das Fehlverhalten des Entlassenen, sondern wie man sich in diesem Kontext so gehen lassen kann. Mich interessiert das eher aus professioneller als aus moralischer Sicht. Die Aktion hat schließlich auch handfeste Folgen.

UPDATE2: Christian Boelling hat natürlich recht, dass es Gründe geben kann, die einen an offener Kommunikation hindern. Dann allerdings frage ich mich, warum ich mich mit solchen Themen in die dialogstärksten, schnellsten und meinungsfreudigsten Kanäle der ganzen Medienlandschaft begeben muss – Twitter & Blogs. Es wäre ja auch gar nichts geschehen, wäre man sachlich geblieben. Mike Schnoor ist offenbar schon schlauer, wir dürfen weiter gespannt sein.

UPDATE3: Oliver Berger hat mit Mario Grobholz gesprochen und bekräftigt, was sich aus dem Kontext einer längeren Online-Abstinenz erahnen ließ: Dass der Satz „Falls er mal wieder wo auftaucht“ anders gemeint war als vielleicht auf Anhieb vermutet. Er schreibt, dass es Gründe gerade für die öffentliche Trennung gab. Das erzeugte sozialmediale Echo scheint aber so nicht geplant gewesen zu sein. Mit einem neuen Blogpost versucht ein von den Reaktionen enttäuschter Mario Grobholz eine Erklärung: Man habe sich „auf die Fakten konzentriert“. Er zieht den Schluss, dass negative Nachrichten im Web 2.0 keinen Platz haben. Das Gegenteil ist in meinen Augen der Fall: Das Netz giert nach Aufregern. Gerade deshalb gehört eine offenbar so verfahrene Personalie nicht auf Twitter, was Mario Grobholz jetzt genauso sieht:

„Gerlernt habe ich auch, dass Meldungen dieser Art nicht mehr kommentiert werden sollten. Auch sollte man nicht darüber twittern. Anmerken möchte ich, dass  in der Kürze einer Information seine Funktion liegen kann und nicht Zeichen mangelnder Reflektion sein muss.“

Dann aber auch konsequent und nicht mit weiteren mißverständlichen, Gerüchte fördernden und damit potentiell reputationsschädlichen Andeutungen. Es geht die Öffentlichkeit natürlich nichts an, was die Hintergründe sind. Gerade deshalb sollte man aber doch die Neugier nicht noch schüren. Womit er sicher recht hat:

„dass Aufregen nicht immer die sinnvollste aller Reaktionen auf schlechte Nachrichten ist.“

Nie. Manche Nachrichten regen allerdings mehr zum Aufregen und zur Spekulation an als andere. Die erneute Stellungnahme ist da keine Ausnahme.

UPDATE 4: Nach der eher trotzigen Reaktion von letzter Nacht klingt der heutige Versuch der Deeskalation weit versöhnlicher. Mario Grobholz räumt ein, dass einige seiner Äußerungen „nicht geschickt“ waren. Es sei in erste Linie um die juristisch notwendige Publikation der Personalie gegangen, nicht darum „jemanden an den Pranger zu stellen“. Die Klarstellung und Entschuldigung zeigt Einsicht und ist ein guter Schritt, zu dem man nur gratulieren kann.

Die Essenz aus diesem Sturms im Wasserglas könnte lauten: Form follows function. Unangenehme juristische Pflichtverlautbarungen sind bei Twitter deplaziert und auch im Blog problematisch – zumindest wenn man (gezwungen) halbherzig kommuniziert und damit die Gerüchteküche auf Umluft mit Grill schaltet. Also doch noch einmal eine Verwendung gefunden für die gute alte Pressemitteilung?

blog Relevanzmessung bei Twitter & Co. Beitrag über , , vom 8. März 2009

1

Vor einigen Wochen hat die AGSM um Beiträge zum Thema Relevanzmessung gebeten. Ein spannendes Thema, mit dem ich mich trotzdem schwer tue. Mir fehlt zunächst eine eindeutige, empirisch belastbare Definition von Relevanz.

Der einfachste Zugang ist wohl das journalistische Auswahlkriterium der Aktualität als Produkt aus Überraschung (als Abweichung vom Bekannten) und Relevanz (als Ausmaß der Folgen dieser Abweichung). Im alltäglichen Sprachgebrauch wird die Bezeichnung „Relevanz“ oft zum Oberbegriff. Damit will ich mich aber in einem eigenen Blogpost befassen.

Erfolgsfaktoren für Relevanzmaße

Hier soll es um die Bewertungskriterien von Aggregatoren/Memetrackern und Ranglisten gehen, insbesondere für Twitter. Für solche Kriterien gibt es einige wenige auf der Hand liegende Erfolgsfaktoren:

Punkt 1 ist wörtlich zu nehmen. @robgreen alias Robert Basic stieg vom Fleck weg in die Twitter-Charts ein, bevor er diesen Kanal überhaupt aktiv bediente, allein anhand der Popularität seines (mittlerweile ehemaligen) Blogs. Seine Relevanz als Blogger übertrug sich auf ein zum Start recht irrelevantes, weil inaktives Twitterprofil. Also muss man dafür sorgen, dass der Wert der verbreiteten Information einbezogen wird. Punkt 2 ist relativ selbsterklärend – bei allein in Deutschland mehreren Zehntausend Twitter-Usern und Millionen weltweit wird es keine Academy geben, die qualitativ Profile bewerten kann. Tranzparenz ist wichtig, damit die Bewertung nachvollziehbar und wiederholbar bleibt. Der letzte Punkt erklärt sich besonders aus einem Trend der letzten Monate.

Twitter-Verzeichnisse und -Ranglisten werden bislang meist nach der Zahl ihrer Follower geordnet. Es hat eine Weile brauchbar funktioniert, bis findige selbst ernannte Social Media Marketingexperten, Ich-mach-Dich-zum-Internet-Millionär-Coaches und Sozialprotze systematisch ausnutzten, dass ein zweistelliger Prozentsatz an Twitter-Usern jedes Abonnement erwidert. Das sieht auch der deutsche Twitter-Ranking-Pionier Jens Schröder alias Popkulturjunkie so und teilt in der aktuellen Ausgabe mit, dass er durch ein System, dessen Funktionsweise er nicht verraten will, ab jetzt verdächtige Accounts aus seinen Charts herausfiltert.

Latente Reichweite

Die Stoßrichtung halte ich für richtig, allerdings setzt sie am Symptom, und nicht an dessen Ursache an: Followings sind Abonnements und schaffen nur eine latente Verbindung. Ab dem Abschluss, also dem Klick auf den „Follow“-Button, sind sie passiv. Besser geeignet wären aktive Verbindungen oder Empfehlungen, die regelmäßig erneuert werden.

Tatsächliche aktive Verbindungen drücken sich in Konversationen aus. Dazu haben Huberman und andere in den USA Anfang des Jahres eine sehr eine interessante Studie veröffentlicht. Der Kern ist, die Verknüpfungen in „Friends“ und „Followers“ (Achtung: Semantischer Konflikt mit den Twitter-internen Bezeichnungen). Mit „Friends“ haben die untersuchten User mindestens 2 Nachrichten ausgetauscht, mit den „Followern“ sind sie nur passiv verknüpft.

Genau diesen Ansatz hat Dr. Benedikt Köhler (AG Social Media) in Twitter Friends umgesetzt. Dort kann man sich auch das aktuelle soziale Netz eines Twitter-Users anhand von @-replies anzeigen lassen. Dieses Netzwerk würde vielleicht schon eher taugen, um die Vernetzung eines Twitter-Profils zu beurteilen – aber sind Unterhaltungen überhaupt ein Maß für Relevanz? Für mich sind die meisten @-replies im Gegenteil eher Rauschen. Sie richten sich an einen einzelnen Empfänger und haben nur im Einzelfall eine Bedeutung für einen größeren Empfängerkreis.

Was weitererzählt wird, hat Relevanz

Die interessantere Funktion (oder besser Konvention) von Twitter in diesem Zusammenhang sind die Retweets. Was einem Leser wert ist, es in seinem Leserkreis weiterzugeben, muss von ihm zuvor 1. tatsächlich rezipiert worden sein, 2. in irgendeiner Form für relevant gehalten werden. Je öfter das geschieht, desto eher ist von einem allgemeinen, öffentlichen Interesse auszugehen. Retweet Radar setzt das um, allerdings global und mit Fokus auf Themen, nicht auf User.

Die Zahl der Retweets eignet sich in meinen Augen am besten für die künftige Relvanzmessung von Userprofilen bei Twitter. Natürlich gibt es auch bei dieser Methode einige Ausreißer aufgrund simpler sozialer Mechanismen, ansonsten werden aber alle vier o.g. Faktoren ausreichend erfüllt. Was fehlt, ist die Umsetzung.

Noch eine Anmerkung: Allen Ansätzen zur Relevanzmessung von Inhalten und ihren Produzenten ist eine hohe Anfälligkeit für Verstärkereffekte gemein. Wer einmal auf der ersten Google-Seite, auf den ersten Plätzen eines Rankings oder auf der Startseite eines Memetrackers erscheint, wird auch in Zukunft öfter verlinkt und erwähnt werden (der Link über Memetracker ist gerade ein lebendes Beispiel).

links Who Is Really Writing Those Twitter Feeds? | Newsweek.com vom 14. Februar 2009

Schätzungsweise 11% der amerikanischen Onliner sind bei Twitter. Dell listet über 130 autorisierte Accounts von Mitarbeitern. Viel wichtiger – der Nutzen von Twitter für Unternehmen auf den Punkt gebracht: "tough, necessary conversations, providing a two-way feedback of the sort you can't have with an RSS feed". Word!

Zur Seite http://www.newsweek.com/id/184656

blog Autor Beitrag über , , , , , , vom 22. Januar 2009

Till-gruen-klein

Till Achinger in Kürze:

online auch unterwegs als „pfandtasse„,
offline zuhause in Berlin

Unternehmer-Berater für digitale Geschäftsmodelle von E-Commerce-Projekte bis Social Media (Achinger GmbH)
Außerdem Inhaber und Geschäftsführer von Sonntagmorgen Kaffee

2012-2013 Geschäftsführender Gesellschafter der Faces of Design GmbH und Mitgründer/Geschäftsführer des Spinoffs FAST FORWARD Imaging.

2011-2012 Geschäftsführer/Gesellschafter von Riverlabs

2010-2011 Aufbau des Kompetenzfeldes Social Media bei Hering Schuppener

2005-2009 Freiberufliche Beratung für PR und Marketing, später mit Schwerpunkt Onlinekommunikation/Social Media, Studium der Kommunikationswissenschaft, Campus Relations e.V.-Mitglied

2005-2012 Studium der Kommunikationswissenschaft, Arabistik und Geschichte an der WWU Münster

2003-2005 Mitgründer einer Werbeagentur für CI/CD/Print

2001-2005 freier Journalist für Zeitungen, Magazine, Hörfunk und TV

In der Freizeit gern unterwegs auf dem Mountainbike, dem Motorrad, zu Fuß, unter Segel, mit dem VW-Bus, schnell, langsam, mit oder ohne Rucksack, nie ohne Kaffee.

Mehr geschäftliches und privates erfährt man bei Interesse in diversen Social Networks oder auf Anfrage.