blog Relevanzmessung bei Twitter & Co. Beitrag über , , vom 8. März 2009

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Vor einigen Wochen hat die AGSM um Beiträge zum Thema Relevanzmessung gebeten. Ein spannendes Thema, mit dem ich mich trotzdem schwer tue. Mir fehlt zunächst eine eindeutige, empirisch belastbare Definition von Relevanz.

Der einfachste Zugang ist wohl das journalistische Auswahlkriterium der Aktualität als Produkt aus Überraschung (als Abweichung vom Bekannten) und Relevanz (als Ausmaß der Folgen dieser Abweichung). Im alltäglichen Sprachgebrauch wird die Bezeichnung „Relevanz“ oft zum Oberbegriff. Damit will ich mich aber in einem eigenen Blogpost befassen.

Erfolgsfaktoren für Relevanzmaße

Hier soll es um die Bewertungskriterien von Aggregatoren/Memetrackern und Ranglisten gehen, insbesondere für Twitter. Für solche Kriterien gibt es einige wenige auf der Hand liegende Erfolgsfaktoren:

Punkt 1 ist wörtlich zu nehmen. @robgreen alias Robert Basic stieg vom Fleck weg in die Twitter-Charts ein, bevor er diesen Kanal überhaupt aktiv bediente, allein anhand der Popularität seines (mittlerweile ehemaligen) Blogs. Seine Relevanz als Blogger übertrug sich auf ein zum Start recht irrelevantes, weil inaktives Twitterprofil. Also muss man dafür sorgen, dass der Wert der verbreiteten Information einbezogen wird. Punkt 2 ist relativ selbsterklärend – bei allein in Deutschland mehreren Zehntausend Twitter-Usern und Millionen weltweit wird es keine Academy geben, die qualitativ Profile bewerten kann. Tranzparenz ist wichtig, damit die Bewertung nachvollziehbar und wiederholbar bleibt. Der letzte Punkt erklärt sich besonders aus einem Trend der letzten Monate.

Twitter-Verzeichnisse und -Ranglisten werden bislang meist nach der Zahl ihrer Follower geordnet. Es hat eine Weile brauchbar funktioniert, bis findige selbst ernannte Social Media Marketingexperten, Ich-mach-Dich-zum-Internet-Millionär-Coaches und Sozialprotze systematisch ausnutzten, dass ein zweistelliger Prozentsatz an Twitter-Usern jedes Abonnement erwidert. Das sieht auch der deutsche Twitter-Ranking-Pionier Jens Schröder alias Popkulturjunkie so und teilt in der aktuellen Ausgabe mit, dass er durch ein System, dessen Funktionsweise er nicht verraten will, ab jetzt verdächtige Accounts aus seinen Charts herausfiltert.

Latente Reichweite

Die Stoßrichtung halte ich für richtig, allerdings setzt sie am Symptom, und nicht an dessen Ursache an: Followings sind Abonnements und schaffen nur eine latente Verbindung. Ab dem Abschluss, also dem Klick auf den „Follow“-Button, sind sie passiv. Besser geeignet wären aktive Verbindungen oder Empfehlungen, die regelmäßig erneuert werden.

Tatsächliche aktive Verbindungen drücken sich in Konversationen aus. Dazu haben Huberman und andere in den USA Anfang des Jahres eine sehr eine interessante Studie veröffentlicht. Der Kern ist, die Verknüpfungen in „Friends“ und „Followers“ (Achtung: Semantischer Konflikt mit den Twitter-internen Bezeichnungen). Mit „Friends“ haben die untersuchten User mindestens 2 Nachrichten ausgetauscht, mit den „Followern“ sind sie nur passiv verknüpft.

Genau diesen Ansatz hat Dr. Benedikt Köhler (AG Social Media) in Twitter Friends umgesetzt. Dort kann man sich auch das aktuelle soziale Netz eines Twitter-Users anhand von @-replies anzeigen lassen. Dieses Netzwerk würde vielleicht schon eher taugen, um die Vernetzung eines Twitter-Profils zu beurteilen – aber sind Unterhaltungen überhaupt ein Maß für Relevanz? Für mich sind die meisten @-replies im Gegenteil eher Rauschen. Sie richten sich an einen einzelnen Empfänger und haben nur im Einzelfall eine Bedeutung für einen größeren Empfängerkreis.

Was weitererzählt wird, hat Relevanz

Die interessantere Funktion (oder besser Konvention) von Twitter in diesem Zusammenhang sind die Retweets. Was einem Leser wert ist, es in seinem Leserkreis weiterzugeben, muss von ihm zuvor 1. tatsächlich rezipiert worden sein, 2. in irgendeiner Form für relevant gehalten werden. Je öfter das geschieht, desto eher ist von einem allgemeinen, öffentlichen Interesse auszugehen. Retweet Radar setzt das um, allerdings global und mit Fokus auf Themen, nicht auf User.

Die Zahl der Retweets eignet sich in meinen Augen am besten für die künftige Relvanzmessung von Userprofilen bei Twitter. Natürlich gibt es auch bei dieser Methode einige Ausreißer aufgrund simpler sozialer Mechanismen, ansonsten werden aber alle vier o.g. Faktoren ausreichend erfüllt. Was fehlt, ist die Umsetzung.

Noch eine Anmerkung: Allen Ansätzen zur Relevanzmessung von Inhalten und ihren Produzenten ist eine hohe Anfälligkeit für Verstärkereffekte gemein. Wer einmal auf der ersten Google-Seite, auf den ersten Plätzen eines Rankings oder auf der Startseite eines Memetrackers erscheint, wird auch in Zukunft öfter verlinkt und erwähnt werden (der Link über Memetracker ist gerade ein lebendes Beispiel).