blog Nein, das Internet ist NICHT wie der Buchdruck! Beitrag über , , , vom 29. Juni 2010

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Book Building

Immer wieder wird die disruptive Kraft des Internet mit der Erfindung des Buchdrucks gleichgesetzt (zuletzt ist es mir bei John Naughton aufgefallen). Dabei bleibt ein fundamentaler Unterschied auf der Strecke:

Die Erfindung des Buchdrucks war die Geburtsstunde der Massenmedien. Mit fortschreitender Alphabetisierung konnten durch Bücher, Flugblätter und Zeitungen mehr und mehr Menschen erreicht werden, zu verhältnismäßig geringen Stückkosten. Gegenüber den Skriptorien ein unglaublicher Durchbruch. Den geringen Stückkosten standen aber immense Fixkosten gegenüber. Daran hat sich seitdem wenig geändert. Alle Medien, mit denen eine größere Öffentlichkeit erreicht werden konnte, waren für Einzelpersonen unerschwinglich und eine Veröffentlichung lohnte sich wirtschaftlich nur bei einem großen erwartbaren Abnehmerkreis, egal ob in Zeitungen, Radio, Film oder Fernsehen.1 Kurz:

Der Buchdruck läutete das kurze Zeitalter massenhafter zentralisierter Einweg-Kommunikation ein.

Jedes neue technische Verbreitungsmedium hat nur die Reichhaltigkeit der Inhalte oder die Geschwindigkeit der Verbreitung erhöht. Keines aber hat ander Zentralität und Unidirektionalität gerüttelt. Das Internet setzt dem vielleicht ein Ende. Nicht, weil es die Massenkommunikation abschafft und das Konzept Öffentlichkeit an totaler Fragmentierung zugrunde geht. Internet-Meme und politische Aktion im Netz sprechen eine andere Sprache. Nein, die Zentralisierung der Produktionsseite bricht auf:

Hat man einmal Zugang zum Internet, gehen die Distributionskosten gegen Null. Selbst die Schranken der technischen Kompetenz sind durch Blogs etc. niedriger geworden.2 Wem das geschriebene Wort nicht liegt, der kann mit seinem Handy in Sekunden ein Video ins Netz stellen.3 Die latente Reichweite ist so hoch wie die von Spiegel Online. Die Konkurrenz, der Kommentar, die Gegenposition ist nur einen Klick entfernt. Das sorgt für eine völlig andere Konkurrenzsituation, eine Markt- und Machtverschiebung, veränderte Erwartungen, ein anderes Selbstverständnis des Rezipienten oder Prosumenten. Mit dem Fallen der Publikationsschwelle wird die Konkurrenz um Aufmerksamkeit schärfer. Diese „Ware“ wird teurer und immer weniger käuflich.

Der Vergleich mit dem Buchdruck verschleiert also die eigentlichen Auswirkungen des Internets. Massenkommunikation hatten wir schon. „Etwas wie der Buchdruck“ sollte also die Reaktion auslösen: „Ein neues Trägermedium – so what?“ Genau das scheint geschehen zu sein und immer noch zu geschehen. Verleger, Marketingleute, PR-Berater etc. übertragen noch mehrheitlich die alten Produkte, Prozesse und Geschäftsmodelle in das neue System. Doch gegenüber dem Internet ist das Buch geradezu ein autoritäres Medium.4 Der Blick in die Geschichte hilft gegen den gängigen Fehler, kurzfristige Auswirkungen zu über- und langfristige zu unterschätzen (Naughton). Danach aber bitte die Augen wieder heben:

Das Internet ist nicht wie der Buchdruck. Das Internet ist neu.

1) Über das Radio räsonierte Brecht schon, es „von einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln“, in dem die Empfangsgeräte auch als Sendegeräte genutzt würden. Die Probleme damit liegen auf der Hand. IP-basierte Kommunikation hätte Brecht wohl gefallen. Netzneutralität auch.
2) Zu New Media Analphabetismus siehe TheMashazine.
3) Zum „Media Literacy“-Problem kommt natürlich noch, dass einfach nicht jeder Sender sein will. Das ist aber 1. auch gut so und steht 2. wieder auf einem anderen Blatt.
4) Selbst das Lesen von „klassischen“ Büchern wird auf E-Readern durch kollektive Annotationen „social“, vielleicht auf Kosten der Immersion.