blog Walled Gardens vs. „Seeding“: News-APIs als Geschäftsmodell für Verlage Beitrag über , , , , vom 17. Juni 2010

Martha over the garden wall

Während viele Verlage „Walled Gardens“ errichten, um Google auszusperren, und sich damit ihrer größten kostenlosen Traffic-Quelle entledigen, gehen einige Häuser den entgegengesetzten Weg: Sie vereinfachen die Verteilung ihres Contents durch APIs (Application Programming Interface). Aktuelle Artikel, Archivmaterial oder Statistiken werden maschinenlesbar angeboten und können so sehr einfach in andere Seiten eingebunden werden.

Damit schwenken diese Anbieter von der Rohware Nachricht (die, wenn sie sich hinter einer Bezahlschranke befindet und Relevanz hat, nach 15 Minuten in einem frei zugänglichen Medium paraphrasiert ist) zur besser schützbaren und daher besser vermarktbaren Aufbereitung. Eine Information an sich, zum Beispiel über einen Unfall oder den Ausgang einer Wahl (manchmal auch beides zusammen) ist – zum Glück der Wissensgesellschaft – nicht urheberrechlich geschützt. Das heißdiskutierte Leistungsschutzrecht könnte das in Teilen ändern, ist aber noch völlig diffus. Geschützt sind aber Werke, also ein gut formulierter Bericht oder eine informative Grafik. Deren Produktion ist zudem verhältnismäßig kostenintensiv, also lohnt sich der Einkauf für Dritte.

Der „Guardian“ hat seine API nach einer Betaphase jetzt offiziell geöffnet und erlaubt, finanziert entweder über Werbung oder über Gebühren, eine kommerzielle Nutzung seiner Inhalte durch Dritte (über die sog. Content API). Neben den Werbeeinnahmen und Lizenzgebühren erweitert die Zeitung damit durch stärkere Verlinkung auch die Reichweite ihres eigenen Angebots (Kannibalisierungseffekte sollten mehr als aufgehoben werden). Anstatt den Garten einzuzäunen, streut der Guardian seine Saat über das Netz.
Über das „Micro-App-Framework“ können Guardian-Partner auch Content direkt auf die Guardian-Website bringen. Hier wird Reichweite also nicht an Werbekunden, sondern auch an andere, kleinere Medienunternehmen vermarktet.
Die „Politics API“ wiederum erlaubt den Zugriff auf Statistiken und Umfrageergebnisse, die sich als Zahlen direkt weiterverarbeiten lassen. (mehr zur Guardian-API bei Heise)

Dazu passt, dass der Guardian sich als Vorreiter im „Data Journalism“ positioniert, eine Entwicklung, die nicht nur Journalisten und Verleger, sondern auch Regierungen, NGOs und Unternehmen sicher noch beschäftigen wird und einen eigenen Blogpost wert ist.

Die New York Times bietet schon seit Ende 2008 eine API an, allerdings nur für die nichtkommerzielle Nutzung bei limitierten Zugriffszahlen. Abrufbar sind u.a. Artikel, Quellen der Wahlkampffinanzierung, Kongressabstimmungsdaten und Filmkritiken (erklärender Artikel bei Readwriteweb). Die Guardian-Variante finde ich aufgrund der Vielzahl an Monetarisierungsvarianten interessanter. Ich bin gespannt auf erste Zahlen aus dem regulären Betrieb.

Auch wenn der Nutzen klar auf der Hand liegt, gibt es bisher kein solches Angebot im deutschen Markt. Die innovativen Anbieter haben die Ressourcen nicht, die großen Verlage wiederum haben ihre wohl vollständig darin gebunden, ausgerechnet gegen ihre Hauptdistributeure Sturm zu laufen.