blog Jeder Leser bekommt den Journalismus, den er verdient (?) Beitrag über , , , , , , vom 15. Juni 2010

We Demand Donutz

Keine brandneue Meldung, aber wert, sich Gedanken über persönliche qualitative Filter zu machen:

Google-Juice vom journalistischen Prekariat

André Zalbertus (@zalbertus), Medienunternehmer (Gründer von AZ Media, center.tv) und preisgekrönter TV-Journalist, produziert in Zukunft journalistische Online-Inhalte streng nachfrageorientiert. „Demand Medien“ mit Sitz in Bochum soll seine Themen anhand von populären Suchanfragen z.B. bei Google und Youtube wählen und mit freien Mitarbeitern sehr günstig produzieren (Manager Magazin). Zalbertus kopiert damit die finanziell erfolgreiche US-Firma „Demand Media“. Im Gegensatz zu Demand Media, die an den Werbeeinnahmen eigener Veröffentlichungen (z.B. ehow.com) verdienen, will Zalbertus kommerzielle Onlineanbieter und Medienhäuser mit Inhalten beliefern. (FAZ über Demand Media)

Der „SEO-Journalismus“ boomt und Zalbertus ist ein erfahrener Geschäftsmann. Wie man im Journalismus Kosten drückt, hat er mit seiner TV-Produktionsfirma AZ Media und der Lokalsenderkette center.tv vorgemacht, als Vorreiter des Videojournalismus, also Ein-Mann-Videoreportern statt der konventionellen 3-Mann-Teams. Am wirtschaftlichen Erfolg von Demand Medien habe ich zumindest auf mittlere Frist wenig Zweifel. Inhaltlich erwarte ich Bratwurstjournalismus vom Feinsten und paraphrasierte Wikipedia-Einträge. Kann man machen, allerdings will ich mich nicht immer da durchwühlen, um an für mich relevanten Content zu kommen.

Lukas 11,9

Medien, die ich regelmäßig direkt lese, werden wahrscheinlich nicht zu den Abnehmern zählen. Aber die Suchergebnissseiten werden durch optimierten Billig-Content weiter zugekleistert. Auch ohne große Content-Farmer taucht dort genug Müll auf. Mit Blick auf die Demand Media konnte man ja darauf hoffen, dass Google & Co. irgendwann eine dauerhafte userbezogene Blacklist anbieten, wie ich jetzt schon „-site:ehow.com“ in die Suche eintragen kann. Taucht das deutsche Billig-Geschreibsel aber auf den unterschiedlichsten Domains auf, ist das nicht mehr praktikabel – was tun?

Möglichkeit a) Soziale Filter

Auf einen Großteil der tagesaktuellen Inhalte, die ich lese, komme ich über Kontakte bei Twitter, Facebook (das sich anschickt, größte Traffic-Quelle für News zu werden – deshalb wollen die Verlage am liebsten neben Google gleich auch Facebook in die Tasche langen) etc., Aggregatoren wie Rivva oder Blogs. Zur Suche eignen sich diese Seiten einzeln aber bisher nicht. Hier könnte Google Social Search helfen. Im Gegensatz zu den meisten Suchmaschinen und Aggregatoren sind dort für das Ranking meine direkten Verbindungen in Online-Netzwerken wesentlich. Steckt aber noch in den Kinderschuhen und war für mich bisher nicht besonders nützlich. Für gezielte Recherche hilft:

Möglichkeit b) Whitelisting

Wer regelmäßig online recherchiert, weiß, dass die Eingrenzung auf die richtigen Plattformen Zeit und Nerven spart. Ich lege mir zu für mich relevanten Themen eine Art Panels an, die ich per Suchanfrage „site:abc.com | site:def.org…“ oder Custom Search Engine durchsuchen kann. Für viele Themen gibt es spezialisierte Suchmaschinen. Und die Anleitung fürs „Social Media Cheat Sheet“ von Readwriteweb funktioniert leicht abgewandelt auch für redaktionelle Seiten.

Direkt-Journalismus per Vorauskasse

Nochmal zurück zum Journalismus, bei dem jemand vor die Tür geht, recherchiert und schreibt: „Journalism on demand“ bietet auch Spot.Us in San Francisco, L.A. und Seattle, aber in einer Form, in der es meinen Erwartungen eher entspricht: (Potentielle) Leser können dort Themen oder Fragen einreichen, die sie gern von Journalisten bearbeitet sehen würden. Ein freier Journalist erstellt eine Art Kostenvoranschlag und nimmt, wenn das Budget von Einzelpersonen oder Organisationen aufgebracht wird, die Arbeit auf. Zu den Bietern können auch Verlage zählen, die eine Geschichte dann zunächst exklusiv vermarkten dürfen. (neben anderen Geschäftsmodellen für journalistische Angebote im Netz gefunden bei Mashable)

Das Modell von Spot.Us hat für freie Journalisten gegenüber Plattformen wie Flattr (Micropayment für Publisher) den Vorteil, dass sie schon vor Aufnahme der Arbeit wissen, ob es sich lohnt. Erfolgskritisch wird sein, ob sich der Ansatz, der bei einigen heißen lokalen Themen in Millionenstädten funktioniert, in den Long Tail des Lokalen und Special Interest übertragen lässt. Wer wagt hierzulande das Experiment?

Update: Wochenmarkt der Nichtigkeiten

Netzwertig berichtet über den Start von tvype, einem Marktplatz für Bürgerreporter. Das Startup präsentiert neben einer eindrucksvollen Reihe öffentlicher Förderungen ein buntes Gemisch an Stock Photos, Promi-Bildern und Schnappschüssen von Unfällen und Demonstrationen. In gleicher oder höherer Qualität finde ich das auch bei Flickr. Der Vorteil von tvype: Die Redaktionen können Bilder und Videos zu einem festen Preis sofort herunterladen, anstatt erst „Freund“ eines Fotografen zu werden und auf schnelle Antwort zu hoffen oder schlicht auf das Urheberrecht zu pfeifen, wie es in manchen Print- und TV-Redaktionen offenbar gängige Praxis ist.


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