blog PR-Menschen als Anwälte oder Weltverbesserer? Beitrag über ethik, PR, pr-verständnis vom 14. September 2011
Gestern schrieb ich über die Krisen-PR von Wiesenhof. In der darüber geführten Diskussion sprang mir wieder der Konflikt um das zugrundeliegende PR-Verständnis ins Auge. Die Linie der Auseinandersetzung verläuft zwischen normativem und deskriptivem Vorgehen, zwischen der Hoffnung auf eine Demokratisierung der Wirtschaft durch neue Kommunikationsmittel und der Überzeugung, dass sich die Regeln des Spiels nicht ändern werden.
Diese Diskussion ist nicht ganz neu und wird immer wieder geführt werden, immer häufiger, je deutlicher sich die Struktur der Öffentlichkeit ändert. Exemplarisch sind die Kommentare von Carsten Rossi und Ed Wohlfahrt:
Carsten Rossi schreibt: “PR-Menschen haben zu funktionieren wie Anwälte, nicht wie Mediatoren.”Ed Wohlfahrt sieht das anders: “Es geht, wie sie richtig sagen, um die langfristig beste Strategie, aber nicht nur für das Unternehmen sonder für uns alle. Und diese Strategie zu finden sollte oder besser könnte ein gemeinschaftliches Unterfangen darstellen. Diese gemeinsame Sache anzuleiten, zu befeuern, vielleicht zu strukturieren und darin auch die richtige Rolle / Sprache des Unternehmens zu finden bzw. mitzugestalten, dies wäre imho eine tolle Aufgabe für einen PR-Treibenden.”
Der Vergleich zum Anwalt hinkt, denn über Sieg und Niederlage wird in der Öffentlichkeit völlig anders entschieden als vor Gericht – anhand des medialen Echos auf manche Prozesse kann man das gut nachverfolgen. Die Art, wie verhandelt wird, die Sprache, der zugrundeliegende Code sind verschieden. Es hilft einem Unternehmen im Zweifel nicht weiter, “im Recht” zu sein. Ein Gericht ist moralisch ignorant, die Öffentlichkeit nicht.
Diese moralische Ignoranz wohnt andererseits auch Unternehmen inne. Ein Unternehmen handelt zunächst rein gewinnmaximierend. Um in der Sprache der Systemtheorie zu sprechen, ist die PR ein Subsystem des Wirtschaftssystems (das ist umstritten, aber für mich logisch). Dieses System lässt sich nur innerhalb seines Codes irritieren, heißt zu Deutsch: Es ändert sich nichts, so lange es finanziell keine Auswirkungen hat.¹ Das kann einschließen, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen, Brunnen in Afrika zu bauen oder Tiere zu schützen. So etwas geschieht aber nicht aus Philanthropie (allenfalls aus der der Anteilseigner, die sich damit wiederum außerhalb des Wirtschaftssystems bewegen), sondern im Wissen, dass ein Unternehmen gesellschaftliche Akzeptanz und Spielraum braucht, um handlungsfähig zu bleiben.
Da Wirklichkeit nicht objektiv wahrgenommen, sondern konstruiert wird, kommt es in erster Linie darauf an, als kooperativ, umweltschonend, guter Arbeitgeber etc. gesehen zu werden. Oft muss man das auch sein, aber hin und wieder scheinen auch Journalisten eine PR-Kampagne mit Einsicht und schöne Worte mit Handlungen zu verwechseln: “Doch Wiesenhof lenkt ein. Der erhöhte Druck auf die Subunternehmer ist nur einer von vielen Versuchen das beschmutzte Image wieder aufzupolieren. Tatsächlich startet gegenwärtig eine riesige PR-Kampagne.”
Meine hoffnungsvolle These: Je direkter der Zugang zu Information aus erster Hand wird, je mehr alles mit allem verknüpft ist, desto teurer wird die “Konstruktion wünschenswerter Wirklichkeiten“. In immer mehr Fällen wird es nicht nur moralisch, sondern wirtschaftlich günstiger sein, diese Wirklichkeiten zu schaffen und nicht nur zu vermitteln. In diesem Zuge wird sich auch das Rollenverständnis der PR vom Anwalt zum Mediator verschieben, ohne dass daher die Interessenbindung an den Auftraggeber wegfällt.
Ich gebe also keinen von beiden Recht, und doch beiden ein bisschen. Natürlich muss eine PR-Agentur/Abteilung versuchen, alle legalen und legitimen Mittel einzusetzen, um die Interessen ihres Kunden zu vertreten. Gute PR denkt aber über den Tag hinaus und erkennt, wann der langfristige Nutzen einer tatsächlichen Verhaltensänderung größer ist als der einer reinen Kommunikationskampagne.
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1) Die Systemtheorie wurde schon immer für ihre rein deskriptive Herangehensweise kritisiert, mit der sich all zu leicht der Status Quo rechtfertigen ließe. Andererseits muss auch der Idealist, der kein reiner Träumer sein will, den Anschluss seiner Idealbilder an die Realität suchen.
blog Wiesenhof mit offensiver Krisen-PR bei Youtube Beitrag über Krisenkommunikation, PR, Wiesenhof vom 13. September 2011
4Im Urlaub habe ich einen spannenden PR-Fall verpasst: Wiesenhof (Danke an Simon Steiner für den Hinweis!). Eine gute Zusammenfassung hat schon vor Tagen Stefan Winterbauer von Meedia geliefert, die muss ich hier nicht wiederholen. In aller Kürze: Der Geflügelmäster wehrt sich gegen einen kritischen ARD-Beitrag durch die Veröffentlichung eigenen Videomaterials auf Youtube, das unter anderem eine Art “Making Of” des Beitrags aus Sicht des Unternehmens enthält.
Mit einem eigenen Kamerateam will das Unternehmen zeigen, dass ein Interview mit dem Firmenchef einseitig geschnitten wurde und die Journalisten nicht neutral recherchiert hätten. In ihrem “Newsroom” spielen sie auf der Social Media-Klaviatur, um ihren “Faktencheck” zu präsentieren: Neben den Videos bei Youtube gibt es Dokumente bei Scribd, eine Mindmap bei Mindmeister, schicke Infografiken und einen Twitter-Account. Es wird viel extern verlinkt, um eigene Aussagen zu belegen.
Wiesenhof bedient sich damit der gleichen Mittel, die auch Verbrauchern zur Verfügung stehen, um im Internet ihre Sicht der Dinge publizieren zu können, wenn sie im Medien-Mainstream kein Gehör finden. Der Effekt des Social Web also, der vielen Unternehmen, gerade denen, die ohnehin unter kritischem Dauerfeuer stehen, Angst gemacht hat.
So innovativ die Wahl der Mittel wirkt und so sehr ich diese Beherrschung der Werkzeuge selbst manchen Journalisten wünschen würde, so wenig überzeugend wirkt sie auf mich (und offenbar viele andere, wenn man sich die Youtube-Bewertungen ansieht) inhaltlich. (Noch) neu daran ist, dass ein Unternehmen den Weg geht, selbst den Konflikt ins Internet zu verlagern, um dort direkt mit den Verbrauchern zu kommunizieren, also die Disintermediation für sich zu nutzen. Dieses Vorgehen ist auch in manchen Fällen durchaus gerechtfertigt ist, um tendenziösen Journalismus zu entlarven und die Reputation einer Organisation zu verteidigen. Die PR über Social Media kann als Korrektiv fungieren, wo das System des redaktionellen Journalismus versagt, wenn ich auch persönlich nicht den Eindruck habe, dass das hier der Fall ist.
Die Erklärung des Journalisten, es handele sich nur um einen Arbeitstitel, wirkt in der Tat ein wenig unbeholfen. Die glatte Kälte, die mir Frank Schroedter unter seiner offensichtlich aufgesetzten Freundlichkeit vermittelt, dreht aber den Gesamteindruck wieder. Die Videos sagen vielleicht mehr über die Haltung von Unternehmen und Agentur gegenüber der Öffentlichkeit aus als über die Recherchemethoden des ARD-Teams. Diesen Eindruck habe ich offenbar nicht allein.
Dass die Kommentarfunktion bei Youtube deaktiviert wurde, kann ich verstehen. Das hätte ich einem Kunden wahrscheinlich auch geraten, der sich mit einer solchen Welle der Kritik konfrontiert sieht, allein schon um den Moderationsaufwand in Grenzen zu halten und die Diskussion zu bündeln. Auch dass im Blog a.k.a. Newsroom hunderte Kommentare gelöscht wurden kann auch daran liegen, dass bei einem solch emotionalen Thema wirklich ein Großteil der Kommentare unter die Gürtellinie geht. In der Gesamtschau wird man aber das Gefühl nicht los, dass ein Dialog auf Augenhöhe hier nur inszeniert werden soll.
blog Nestlé-Marktplatz startet: Ein Unternehmen lernt dazu Beitrag über E-Commerce, Marktplatz, Nestlé, Social Media vom 1. September 2011
3Seit heute ist der Nestlé-Marktplatz online, eine Mischung aus Onlineshop, Informations- und Dialogplattform. Dort lassen sich alle 1.500 Produkte des Konzerns bewerten und kommentieren, 600 davon auch direkt bestellen. Die Nutzer finden dort Inhaltsdeklarationen und können Produktideen und Rezepte einreichen. Natürlich fehlen auch Facebook-Seite und Blog nicht. Ich durfte mir die neue Plattform im Vorfeld ansehen und habe gestern zusammen mit einigen anderen Bloggern aus den Bereichen Social Media, PR und Ernährung mit den Projektverantwortlichen in Frankfurt darüber gesprochen. Ein ausführlicher Bericht zu dieser Feedbackrunde findet sich bei Jan Theofel.
Auch Deutschlandchef Gerhard Berssenbrügge war dabei. Blogger Relations als Chefsache hätte es Anfang 2010 wohl auch noch nicht gegeben. Mit dem Marktplatz will der Konzern zeigen, dass er in puncto Dialogfähigkeit dazugelernt hat. Seit der Palmöl-Kampagne im April 2010 wird Nestlé als abschreckendes Beispiel für Unternehmenskommunikation im Social Web herumgereicht. Nicht ganz zu Unrecht: Erst die unbeholfene Reaktion des Unternehmens auf die Greenpeace-Kampagne und auf den folgenden Facebook-Shitstorm brachte den Sturm der Entrüstung richtig in Fahrt. Weil ich diese Entwicklung damals recht detailliert dokumentiert habe, widme ich nun auch der aktuellen Entwicklung einen längeren Beitrag.
Die Umsetzung
Der Shop soll nicht in Konkurrenz zum Handel treten. Es ist nur knapp die Hälfte des Sortiments auch bestellbar, zu üblichen Ladenpreisen. Frischeprodukte sind zum Beispiel aus logistischen Gründen nicht erhältlich. Stattdessen finden sich auch 100 ausländische Produkte, die hier nicht im Handel erhältlich sind. Im Vordergrund steht, wie auch die Startseite und die verspielte Optik suggerieren, das “Entdecken”. Wer nun aber die “Back” aus Italien vermisst, muss ein paar Kilo Nudeln mitbestellen: Trotz Versandkosten von 4,90 Euro gilt ein Mindestbestellwert von 20 Euro. Kostenlosen Versand gibt es erst ab 70 Euro. Wer seinen Warenkorb schnell mit Nespresso-Kapseln auffüllen will, wird enttäuscht. Der Alu-Fetisch fehlt im Sortiment.
Um die scharfe Sauce aus dem ausländischen Supermarkt auch wiederzufinden, wenn man ihren Namen vergessen hat, kann man die Produkte auch nach der Verpackungsfarbe filtern. Häufiger genutzt werden wahrscheinlich die in anderen Lebensmittel-Shops seltenen Filter nach Halal, Vegetarisch, Vegan etc. – eine Leistung, die ein Händler mangels Zugriff auf die genauen Inhaltsstoffe kaum bieten kann.
Die Flash-Navigation des Shops im Stil von “Das verrückte Labyrinth” ist gewöhnungsbedürftig, aber hübsch. Ein paar der üblichen Flash-Seiten-Probleme werden dem Marktplatz gerade noch ausgetrieben, und natürlich hat man auch an eine konventionelle Seite für die iPad-Nutzer gedacht. Ich hätte eine konsequente Nutzung von HTML5 lieber gesehen, aber Flash ist offenbar nicht tot zu kriegen.
Nestlé rechnet mit für seine Verhältnisse lächerlichen Umsätzen. Im Vordergrund sollen die Information und der Dialog stehen, der Kauf nach wie vor im Supermarkt stattfinden. Um so mehr überrascht es, dass eine mobile Version der Seite noch nicht existiert und offenbar auch nicht unmittelbar folgen soll. Damit ließen sich nicht nur Informationen per QR-Code oder Barcoo-mäßiger App an den Kunden am Regal vermitteln. Auch in umgekehrter Richtung online-offline wären z.B. Promotion-Aktionen möglich, ohne auf den Handel angewiesen zu sein.
Ein guter Anfang
Was es nicht ist: Eine radikale Veränderung der Unternehmenskultur. Was es ist: Eine deutliche Wegmarke, die zeigt, das in puncto Kommunikation eine neue Richtung eingeschlagen wurde. Die Projektverantwortlichen betonen, dass der Marktplatz bereits vor der Greenpeace-Kampagne in Arbeit war, räumen aber ein, das Konzept daraufhin noch einmal angepasst zu haben. Hartmut Gahmann, Leiter der Unternehmenskommunikation in Deutschland, erhofft sich, mit dem Projekt aus den “ideologischen Schützengräben” herauszukommen.
In einigen Punkten geht auch die Plattform tatsächlich weiter als der Durchschnitt: Die Kommentare können ohne Registrierung abgegeben werden und werden nur im Nachgang moderiert. Kritik soll ausdrücklich zugelassen und beantwortet werden. Es fehlt allerdings noch an den Tools dafür: Ein Threading der Kommentare, das einen direkten Bezug von Kommentaren aufeinander abbilden würde und Diskussionen/Dialog ermöglichen würde, fehlt genauso wie eine Möglichkeit für Nestlé, seine Fans und Kritiker direkt zu erreichen. Auch die Möglichkeit, Fragen zu einem Produkt zu stellen oder weitere Kommentare zu abonnieren, besteht nicht. Kommentare abgeben ist erst einmal alles, was dem Konsumenten möglich ist.
Der Dialog auf der Facebook-Seite funktioniert nun jedenfalls schon deutlich besser. Wurden im letzten Jahr noch die Kritiker angepöbelt, gibt es jetzt Community-Management nach Lehrbuch: Es wird Kritik zugelassen, sachlich argumentiert und auf die Selbstregulierung der Community gesetzt.
Skepsis, ob die neue Offenheit belohnt wird, ist berechtigt, die Unkenrufe über bevorstehende Kommentarstürme aber übertrieben. Natürlich wird der eine oder andere in den nächsten Wochen testen, wo Nestlés Toleranzgrenze liegt. Dass aber organisierte Pressure Groups den Marktplatz für Protestaktionen nutzen, halte ich für unwahrscheinlich: Woanders tut es einfach mehr weh. Die Marktplatz-Kommentare landen in keinem Stream, weder auf Sender- noch auf Empfängerseite. Der Protest bliebe im Silo und ließe sich mit einem Klick entfernen – auch wenn Nestlé betont, dass so etwas nicht vorgesehen ist.
Ein wenig PR-Getrommel muss man von den Nestlé-Ankündigungen natürlich abziehen: Natürlich will man dort keine Diskussionsplattform über Palmöl, Milchpulver und Wasserprivatisierung einrichten. Da sitzen keine Hasardeure, die Aktion ist auch nicht naiv. “Social Commerce” ist im Moment ein Mode-Etikett und für den Shop mit Kommentar- und Vorschlagsfunktion vielleicht eine halbe Nummer zu groß. Und ob mit der bisher bestehenden technischen und personellen Basis wirklich ein so tiefer und breiter Dialog geführt werden kann, dass man aus den ideologischen Gräben kommt, muss sich zeigen.
Auf der anderen Seite ist es, die Einhaltung der Ankündigungen vorausgesetzt, doch deutlich mehr als sonst in der Branche gewagt wird. Es ist sicher einen zweiten Blick wert.
blog Wie man einen Blogger pitcht – nicht. Beitrag über Bad Practice, Blogger, Blogger Relations, PR vom 10. Mai 2011
2Hallo Till Sebastian,
bei meiner Recherche bin ich heute auf Deinen Blog gestoßen! Ich finde den Blog super! Dachte, dass wir vielleicht auch etwas zusammen machen könnten.
Wir, [Sammelmailversender], sind eine kleine Agentur. Wir sammeln im Auftrag von unseren Kunden von Bloggern Feedback über die Kunden ein.
D.h. im Detail folgendes: Du schreibst über unseren Kunden ein Feedback in Deinem Blog. Das kann positiv sein, allerdings muss es dies nicht sein. Findest Du gewisse Sachen schlecht, so kannst Du das ruhig schreiben! Nur so kann der Kunde letztendlich sein Produkt auch verbessern.
Das ganze musst Du natürlich nicht umsonst machen. Wir zahlen Dir dafür eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 50 Euro. Die würden wir dir per Paypal oder Überweisung zuschicken.
Hast Du Lust darauf? Falls ja, so würde ich mich über eine kurze Antwort freuen!
Viele Grüße,
[Praktikant?]
Ok, irgendwer hat Euch erzählt, dass man Blogger unbedingt duzen muss, wegen der Lockerheit und so. Persönliche Ansprache beim Vornamen schafft eine vertraute Ebene, den Namen findet man ja im Impresseum. Es macht dann auch nichts, zweite Vornamen zu verwenden, die der Angesprochene sonst nie führt.
Wichtig auch: Den Blogger loben, dass sein Blog total super ist. Auch wenn man nichts davon gelesen hat, daher auch nicht schreiben kann, warum das Blog so super ist.
Es geht lobenswerterweise natürlich nicht um Google-Juice, sondern um ehrliches Feedback. Auch das ist essentiell, denn die Blogger sind schließlich sehr empfindlich gegenüber Vereinnahmungsversuchen und glauben dagegen sicher gern, dass der Kunde der Agentur total offen ist und so.
Zu guter letzt: Warum sollte man in der Ansprache einen Unterschied zwischen einem persönlichen Blog und einem Firmenblog machen? (Bei letzterem ging die Mail ein.) Einfach raus mit der Mail, 1% Response reichen.
Ach Leute.
blog re:publica 11: Ich auch. Beitrag über Berlin, Konferenzen, re:publica, re:publica 2011 vom 4. April 2011
2Noch 8 Tage bis zum “Klassentreffen“. Zeit, Hausaufgaben zu machen, das Programm zusammenzustellen und zu veröffentlichen, für mich als überall zugängliche Erinnerungshilfe und für andere als Hinweis, wo sie mich treffen können (oder vermeiden, je nach gusto). Nicht zuletzt, da ich den März in Syrien vebracht habe, interessieren mich dieses Jahr vor allem die Berichte über die Organisation von politischem Protest in Nahost über das Netz.
Den ersten Tag werde ich aus der Ferne per Stream zu verfolgen versuchen und ggf. aus dem Off meinen Senf hinzugeben. Dass sich manche Termine überschneiden, weiß ich selbst. Da wird spontan entschieden. Im Übrigen sind das Schönste ja ohnehin die Pausen.
Mein Plan für die re:publica 11
| 13.4. Telepräsenz |
11:00:00 | Geek Politics and Anonymous | FriedrichstadtPalast |
| 12:00:00 | Wenn Linke Linke verlinken | Kalkscheune, großer Saal | |
| 14:00:00 | Modern revolutions are digital revolutions | FriedrichstadtPalast | |
| 15:00:00 | Energie 2.0 – SchwarmStrom, Internet und die ökologische Energiewende | Kalkscheune, Workshop 1 | |
| 15:30:00 | Sharing-culture in the arabian world | FriedrichstadtPalast | |
| 16:00:00 | Global Voices: The world is talking. | FriedrichstadtPalast | |
| Grenzmanagement in der digitalen Welt | Kalkscheune, blauer Saal | ||
| 17:00:00 | Redesign Geld | Kalkscheune, blauer Saal | |
| 19:00:00 | Power in the Digital Age | Kalkscheune, Workshop 3 | |
| 14.4. Da. |
10:00:00 | The Internet of Elsewhere | FriedrichstadtPalast |
| 11:00:00 | Facebook Revolution | Kalkscheune, großer Saal | |
| 12:00:00 | Lobbying the European Parliament | Kalkscheune, Workshop 2 | |
| 14:00:00 | Leaking Transparency | Kalkscheune, großer Saal | |
| 15:00:00 | Politische Klicks | Kalkscheune, blauer Saal | |
| 16:00:00 | Selbstvermarktung und Subversion im Netz | Kalkscheune, Workshop 3 | |
| 17:00:00 | Egyptian Social Media Stories | FriedrichstadtPalast | |
| 15.4. Noch da. |
10:00:00 | Ushahidi | FriedrichstadtPalast |
| Was ist ein Kontrollverlust? | Kalkscheune, kleiner Saal | ||
| 11:00:00 | Dezentrales Clustern | Kalkscheune, blauer Saal | |
| 12:00:00 | Krieg im Netz – Stuxnet, WikiLeaks und Bloggen von der Front | Kalkscheune, kleiner Saal | |
| 14:00:00 | Offene Sicherheit | Kalkscheune, Workshop 2 | |
| 15:00:00 | Bürgerbeteiligung im Bundestag | Kalkscheune, Workshop 2 | |
| 17:00:00 | Ringelpietz mit Anklicken: Parteiseiten, Perlenzüchter, Ponypornos | Kalkscheune, Workshop 1 | |
| 18:00:00 | Abschluß | Kalkscheune, großer Saal |
Die re:publica macht einem obiges übrigens nicht leicht: Man kann seinen Plan zwar ausdrucken, nicht aber herunterladen. Ein Hauch von Print-Nostalgie? Und da es auch keinen Login, sondern nur ein Cookie gibt, lässt sich die am heimischen Rechner zusammengestellte Planung nicht einmal über das Smartphone abrufen. Zum Glück gibt es Web Scraper (ich habe eine Chrome-Extension eingesetzt), aber das lässt noch Raum für Verbesserung.
blog Rufschädigung im Internet: Nicht erst in der Krise handeln – und nicht nur den Anwalt fragen Beitrag über onlinereputation, reputation, Social Media vom 6. Oktober 2010
Achtung, bloggende und twitternde Besucher: Hier steht für Euch nichts neues.
In der SZ von heute wird vor Rufschädigung im Internet gewarnt. Dabei kommt lang und breit ein Anwalt zu Wort, der ganz richtig auf die Schwierigkeiten damit hinweist, Persönlichkeitsrechte international durchzusetzen. Für weniger richtig halte ich seinen Ansatz, Google verantwortlich zu machen – aber damit ist er ja in bester Gesellschaft.
Der juristische Weg steht – wen wundert es bei einem Juristen als Zitatgeber – nicht nur als der beste, sondern als der einzige Weg da. Von Risiken dieses Vorgehens wie Streisand-Effekt oder Reaktanz auch keine Rede. Dafür ist ein Jurist ja auch nicht zuständig, oder allenfalls im Nachhinein. Nach der Lektüre des Artikels möchte man resignieren – kann man gegen dieses böse Netz denn nichts tun, wenn “es” einen auf dem Kieker hat?
Manch ein Leser wird sich jetzt vielleicht darin bestätigt sehen, dass man sich aus dem Internet lieber heraushält (oder zumindest aus seinem Wilden Westen, diesem “Social Media”) und dabei die Tatsache verkennen, dass im Zweifel die Anwesenden über die Abwesenden herziehen. Damit verhält es sich online nicht anders als an Stammtischen oder auch in den klassischen Medien. Was soll denn den verleumderischen Inhalten entgegenstehen? Gerade Aktivität ist daher das beste Mittel zu Schutz und Verteidigung, je früher, desto besser. Vorausgesetzt, man hat wirklich eine weiße Weste.
Berater für Onlinekommunikation sind übrigens meist billiger als Anwälte. Wer beides nicht gleich in Anspruch nehmen will, der findet einen guten Einstieg in Klaus Ecks Buch “Karrierefalle Internet” (Appetizer beim Manager Magazin). Der negative und scheinbar ausschließlich auf Angestellte gemünzte Titel täuscht insofern, dass es sich auch für Kleinunternehmer eignet. Große Konzerne sind – das meint zumindest die Süddeutsche – gegen Rufschädigung im Netz ohnehin immun.
Update: Wie das Vorschicken von Juristen anstelle der Kommunikation eine Situation verschärft, kann im Moment auch ALDI erleben. Ohne Abmahnung hätten viele – mich eingeschlossen – von der Prospekt-Persiflage der Christlichen Initiative Romero gar nichts mitbekommen. Es trifft nicht einmal das schwarze Schaf der Branche, aber ALDI zieht es nun mal vor, zu schweigen.
blog Social Dingsda Beitrag über buzzwords, Social Media vom 5. Oktober 2010
8Thomas Knüwer schlägt vor, das “Media” aus “Social Media” zu streichen, weil der Begriff den irrigen Versuch befördere, dieses Phänomen mit den Mitteln der Mediaplanung anzugehen. Finde ich gut. Streichen wir doch gleich den ganzen Begriff.
Die ganze Bezeichnung “Social Media” ist bei näherem Hinsehen Unfug. Nicht nur, weil “Media” in seiner Vieldeutigkeit irreführend ist und die o.g. Assoziationen der Mediaplaner hervorruft, sondern auch, weil Medien (nun im Sinne von Übertragungsmedien) natürlich schon immer “social” waren, weil sie eine Beziehung zwischen mindestens zwei Akteuren herstellen. Was genau sollen nun also “Social Media” sein? Für die meisten ist es Facebook. Aber finde mal ein griffiges Buzzword für im Grunde wirklich spannende Aspekte der Online-Öffentlichkeit wie “von Zeit und Ort unabhängige Rekontextualisierung von Primärkommunikation”. Da hört Dir doch keiner mehr zu.
blog Die Textbausteine der Gewohnheitsheuchler Beitrag über heuchelei, Journalismus, lörrach, Pöbeljournalismus, stern, twitter vom 21. September 2010
23Die Kommentare, die zum Amoklauf in Lörrach im Netz kursieren, sind zum Teil widerlich. Ihre Autoren entlarven sich als kaltherzig oder mindestens sehr unreflektiert. Der “Stern” entlarvt sich mit seinem erneuten Fingerzeig mindestens als sehr heuchlerisch.
In Lörrach ist eine schreckliche Tragödie passiert, und doch lässt das manchen kalt genug, geschmacklose Witze zu reißen. Mich regt das auf. Das ist keine Show. Es sind Menschen gestorben. Kaltschnäuzige Menschen gab und gibt es auf Schulhöfen und Baugerüsten, in Straßenbahnen und Großraumbüros. Allerdings waren ihre Konversationen abhängig von Raum, Zeit und Kontext. Anders bei Twitter: Die Menschen sind dieselben, aber ihre Beiträge machen sich selbständig. Eine kurze Suche nach “Amok” oder “Lörrach” liefert unzählige abgebrühte und zynische Statements.
Glücklicherweise kann man diesen Leuten und ihren Äußerungen einfach aus dem Weg gehen, indem man sie aus Freundeskreis und Twitter-Timeline heraushält. Nicht so der Stern. Der wühlt im Dreck und hebt ihn auf den Präsentierteller, um sich demonstrativ zu empören, wie schon letztes Jahr nach dem Amoklauf von Winnenden. Beim Stern erfahre ich, dass ”das Web spottet” und “die Netzgemeinde” ihre ganz eigenen Regeln des Umgangs mit solchen Ereignissen habe. Zu diesem Zweck zitiert das Qualitätsmedium, das im vergangenen Jahr Privatfotos der Winnenden-Opfer veröffentlichte und in der Print-Ausgabe versehentlich einen Unbeteiligten als Amokläufer abbildete, fünf Meldungen, von denen eine einzelne tatsächlich gut 100 mal weiterverbreitet wurde. Ebenfalls vorhandene Ausdrücke der Betroffenheit oder sachliche Auseinandersetzung mit dem Waffengesetz kommen nicht vor, auch nicht die Mehrheit, die ihre Betroffenheit auf die vielleicht beste Weise ausdrückte: mit Schweigen.
Die Schlussfolgerung ist klar: Twitter werde “fälschlicherweise als die Zukunft des Journalismus betrachtet” (Von wem eigentlich? Von den Betreibern des Accounts @stern_digital, die zum Winnenden Amoklauf eine “Twitter-Übersicht” anpriesen?), denn: ”Während ausgebildete Journalisten darin geschult sind, sensibel mit Daten von Personen umzugehen und Fakten zu recherchieren, steht hingegen bei Twitter die Meinung schnell fest.” Gerade eine vorgefasste Meinung muss sich allerdings auch der Stern vorhalten lassen, hat Autor Felix Disselhoff doch zentrale Passagen seiner Empörung wörtlich aus dem anderthalb Jahre alten Artikel seines Kollegen Gerd Blank nach dem Amoklauf von Winnenden kopiert:
Disselhoff 2010:
“Das Problem ist wie so oft nicht die Nachricht, sondern wie mit ihr umgegangen wird. Während ausgebildete Journalisten darin geschult sind, sensibel mit Daten von Personen umzugehen und Fakten zu recherchieren, steht hingegen bei Twitter die Meinung schnell fest. Der Pressekodex gilt nun einmal nur für die Presse. Und nicht für ein Medium, welches von vielen fälschlicherweise als die Zukunft des Journalismus betrachtet wird. Nur vergleichweise wenige User teilen Neuigkeiten über den Tathergang mit anderen Usern. Zynische Statements überwiegen. So fordert MelmachAsylant: ‘Die Lehre aus Lörrach und Winnenden: #Baden-Württemberg verbieten / den Franzosen zum Kauf anbieten.’”
Blank 2009:
“Doch das Problem ist häufig nicht alleine die Nachricht, sondern wie mit ihr umgegangen wird. Während ausgebildete Journalisten eigentlich wissen, wie mit Namen, Adressen und Bildern umgegangen werden darf, erfährt man bei Twitter schnell, wie der mutmaßliche Täter heißt. Das Elternhaus wird in aller Pracht gezeigt, und damit man es auch findet, gibt es den Link zur Adresse dazu. Der Pressekodex gilt halt für die Presse, und nicht für ein Medium, welches von vielen fälschlicherweise als die Zukunft des Journalismus betrachtet wird.”
Disselhoff 2010:
“So funktioniert das Web nur allzu oft. Aus einer einzelnen Meldung wird eine Lawine, die den Wahrheitsgehalt und das menschliche Drama oft unter sich begräbt.”
Blank 2009:
“So funktioniert das Web. Aus einer Meldung wird eine Lawine, die den Wahrheitsgehalt oft unter sich begräbt. Das Jeder-kann-mitmachen-Internet zeigt seine Fratze.”
(Danke an Too Much Information für die Auffrischung meiner Erinnerung. Blank betreut übrigens auch den Account @stern_digital. Ich weiß allerdings nicht, ob das schon im März 2009 so war.)
Geht es hier um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einem jungen Medienphänomen, mit dem Normalanwender und Profis erst noch umzugehen lernen, oder darum, schnell einen Aufreger zu produzieren? Unreflektiert oder zynisch, aber nicht nur von den aus-allem-einen-coolen-Spruch-Machern bei Twitter, sondern besonders von manchen ausgebildeten Journalisten hätte ich mir statt solcher Texte vor allem eins gewünscht: Schweigen.
Update vom 23.09.2010: stern.de-Chefredakteur Frank Thomsen hat sich gestern mittag in einem Kommentar für die Textkopien, die “nicht unseren Standards” entsprächen, entschuldigt und angekündigt, einen Hinweis darauf anzubringen. Das ist mit Datum von gestern passiert. Mir war heute morgen keine Änderung aufgefallen, aber das mag am Browser-Cache liegen. Inhaltlich bleibt die Redaktion standfest: “wir stehen zu unserer Analyse”. Der Text scheint aber noch in Arbeit zu sein – seht selbst.
links Anonyme Antidepublikationsguerilla republiziert Tagesschau-Onlinebeiträge vom 17. September 2010
2Die nach dem 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag (pdf) “depublizierten” Archive des Tagesschau-Onlineangebots sind wieder online. Offenbar hat ein Redaktionsmitarbeiter den anonymen Machern die Daten zugespielt. Weiteres depubliziertes Material und Archive anderer öffentlich-rechtlicher Sender sollen folgen. Natürlich verstößt das Angebot gegen das Urheberrecht, erhält aber offenbar die Sympathien vieler Tagesschau-Redakteure und Nutzer. Die “Zeit” hat mit den Machern ein kurzes Interview geführt.
Auf depub.org kann man also nun weiterhin alle Artikel lesen, die man mit seinen Rundfunkgebühren bezahlt hat, das volle Archiv ab 08/1999. Allerdings bislang ohne Bilder oder Videos. Künftig depublizierte Artikel sollen automatisch auf depub.org landen, und man muss sich nicht einmal die Mühe machen, sie neu zu verlinken, denn Depub bietet Links an, die nach Verfügbarkeit auf Tagesschau.de oder eben zu Depub führen.
Darüber hinaus stehen aber auch alle Tagesschau-Online-Meldungen der vergangenen elf Jahre als XML oder SQL zum Download bereit. Ich bin gespannt, was sich mit diesem Datensatz noch anstellen lässt. Tags gibt es schon, Statistiken und Verknüpfung mit Geodaten hat depub.org angekündigt.
Klicke jetzt mit einem Schmunzeln auf die Schaltfläche “Publizieren”.
links Feuern Sie Ihren Kunden vom 3. September 2010
7Haltungsturner Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach nennt zehn Gründe, seinen Social Media-Berater zu feuern.
Meine Liste mit schlauen Ratschlägen für Social Media-Berater ist weit kürzer:
1.) Lehnen Sie jeden Kunden ab, der Sie nach Checklisten aus dem Internet beurteilt.



